Udo Sierck
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UDO SIERCK LESEPROBEN
 

Sorgenkind oder unhöflicher Geselle

Im Gespräch mit MENSCHEN. das magazin erklärt Udo Sierck, wie Dank ohne Demut gelingen kann und warum es manchmal wichtig ist, undankbar für das Erreichte zu sein.
 
Worin besteht für Sie das Dilemma der Dankbarkeit?
 
Ich will ein Beispiel nennen: Wenn meinem Zwillingsbruder jemand ungefragt von hinten unter die Arme greift, gilt das als unverschämte Annäherung, die eine unwirsche Zurückweisung rechtfertigt. Sobald bei mir jemand so übergriffig wird, gilt das als gutgemeinte Geste, für die ich mich bedanken soll. Die Erwartung der Dankbarkeit zwingt behinderte Menschen in eine Sonderrolle. Das Dilemma in dieser Situation ist: Wenn ich mich bedanke, bestätige ich diesen erniedrigenden Status. Spiele ich diese Rolle nicht mit, gelte ich schnell als unhöflicher Geselle.
 
Was macht Dankbarkeit mit den Menschen?
 
Nach meiner Beobachtung − nicht nur in Kreisen der Behindertenpolitik − kann Dankbarkeit dazu führen, dass jemand seine tatsächlichen Bedürfnisse zurückstellt, um seinem Gönner zu gefallen. Friedrich Nietzsche hat das sinngemäß so formuliert, dass manche das Seil der Dankbarkeit so eng um ihren Hals ziehen, bis es sie selbst erdrosselt. Die Erziehung zur Dankbarkeit führt zu einem Verhalten der Loyalität gegenüber der Autorität, das jede Ungerechtigkeit und jeden Übergriff hinnimmt. Im Verhältnis zwischen Helfenden und Hilfsbedürftigen birgt das eine noch immer zu wenig beachtete Brisanz.
 
Gibt es für Sie eine Form der Dankbarkeit, die nicht in Demut und Unterwerfung mündet? Wie kann eine Haltung der „stolzen Dankbarkeit“ gelingen?
 
Ich denke, dass die Perspektive der „stolzen Dankbarkeit“ nur mit Ehrlichkeit auf beiden Seiten der Handelnden zu erreichen ist. Der behinderten Person muss bewusst sein, dass sie ein Recht auf Unterstützung hat, deshalb nicht in die Demutshaltung verfällt und dabei die Unterstützer nicht als Handlanger betrachtet und behandelt. Andererseits sollten die Assistierenden keinen ‚Heiligenschein‘ erwarten, sondern ihre Arbeit als wichtige Dienstleistung verstehen. Das bietet die Chance, dass Dankbarkeit kein Machtverhältnis beinhalten muss. In dieser Situation wäre ein „Danke!“ von der Demutsgeste befreit.
 
Warum haben Sie dieses Buch jetzt geschrieben, Herr Sierck? Die kritische Auseinandersetzung der politischen Behindertenbewegung mit der Dankbarkeitsfalle begann in 1970er Jahren. Hat sich seither nichts getan? Weshalb ist das Thema heute noch oder wieder aktuell?
 
Ich höre in den letzten Jahren wieder häufiger die Aussage: Sei dankbar für das, was sich alles schon verändert hat, die behinderten Menschen sollten nicht zu viel verlangen, jetzt gibt es die UN-Behindertenrechtskonvention, nun muss auch mal Schluss sein mit Forderungen. Mein Eindruck ist, dass dieser Appell bei der Mehrheit der behinderten Personen verfängt.
 
Wie weit ist Ihrer Ansicht nach in Deutschland das Bewusstsein dafür geschaffen, dass die UN-Behindertenrechtskonvention Menschenrechte formuliert, deren Einhaltung eine Selbstverständlichkeit ist und nicht zu Dank verpflichtet?
 
Behinderung und Dankbarkeit wird noch immer zusammen gedacht und in etlichen Berichten über Inklusionsprojekte auch formuliert. Ich gebe zu, positive Veränderungen dauern mir zu lange. Im Rückblick auf die letzten vierzig Jahre ist aber festzuhalten, dass ein langsamer Prozess stattfindet, der Menschen mit Behinderung als Gegenüber akzeptiert. Da solche Entwicklungen niemals in einer geraden Linie verlaufen, braucht es behinderte Frauen und Männer, die das Bewusstsein der Bevölkerung weiter bearbeiten − also undankbar für das Erreichte sind.
 
Ist die Dankeserwartung an Unterstützungsempfänger in Deutschland besonders stark oder erleben Sie sie in anderen Ländern genauso?
 
Nach meiner Einschätzung gibt es Unterschiede. Diese sind verknüpft mit den historischen Bedingungen des Umganges mit behinderten Menschen. Dort, wo die Ideen der Normalisierung und Integration bereits griffen, als in Deutschland noch das Heil in lebensbegleitenden Sondereinrichtungen gesucht wurde, ist das Alltagsklima für behinderte Menschen entspannter. Entsprechend geringer sind die Dankbarkeitserwartungen. Darüberhinaus scheint mir in Deutschland der Gedanke besonders stark ausgeprägt: Wer nimmt oder bekommt, muss auch geben. Und wenn behinderte Personen nichts geben können, sollen sie wenigstens mit Dankbarkeit aufwarten.
 
In Ihrem Buch kritisieren Sie die Tendenz von Lebens-Ratgebern, durch Dankbarkeit und Zufriedenheit mit dem was man hat die eigene Ausgeglichenheit zu stärken. Was ist so falsch an dieser Einstellung?
 
Viele Bundesbürger fühlen sich mit wachsenden sozialen und beruflichen Anforderungen konfrontiert und zweifeln, diese erfüllen zu können. In dieser Situation wird nach Ratgebern gesucht, um diesen Ängsten zu begegnen. Die Suche nach dem Selbst beginnt, als ein Mittel gilt die Orientierung zur Dankbarkeit. Die Versuche zur Optimierung des Ichs rücken in den Mittelpunkt, die Lebensverhältnisse bleiben außen vor. Bei dieser Tendenz zur Individualisierung bleibt letztlich die soziale Verantwortung auf der Strecke.
 
Wofür sind Sie persönlich dankbar?
 
Dafür, dass ich die Überzeugung bewahrt habe, dass sich alle Dilemmata ins Positive wandeln lassen.
 
(aus: Magazin ‚Menschen‘−online, 4/2015)
 
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Auf dem ‚Zukunftskongress 2025‘, den die ‚Aktion Mensch‘ im Dezember 2014 in Berlin zur Perspektive der Inklusion veranstaltete, wurde ein Forum von der Moderatorin mit der Aufforderung eröffnet: „Alle, die eine Brille tragen, gehen auf die linke Seite, die anderen bitte nach rechts.“ Gefolgt von der Ansage: „Alle, die schnarchen, bitte nach links, die übrigen bleiben stehen.“ Und so weiter. Als ob das Tragen von Sehhilfen oder die Tonlage des Schnaufens zentrale Probleme der Inklusion seien. Dass solche launigen Spielchen eine unzulässige Verharmlosung von real existierenden Erfahrungen und Erkenntnissen beinhalten, hat die politische Behindertenbewegung schon vor vierzig Jahren kritisiert. Dies haben selbst einige professionell Tätige verstanden, aber es scheint, als ob nachhaltige Lernerfolge sehr lange Zeit brauchen. Ein Beleg dafür, dass das Ideal einer inklusiven Gesellschaft in den Bereich der Utopie zu verorten ist, auf dem Weg dorthin aber ermutigende Inseln entstehen können.
aus: sozialpsychiatrische informationen, 2/2015
 
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Fast niemand kennt sie, aber es gibt sie wirklich - die Institution namens Inklusionsbeirat. Der Inklusionsbeirat samt seinen zahlreichen Fachausschüssen ist der ‚Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen‘ zugeordnet. In dem Beirat treffen sich in trauter Runde etablierte Behindertenpolitik und Initiativen der Selbsthilfe. Mit von der Partie sind Repräsentanten der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung, die für das Lavieren zwischen Pragmatismus und Anpassung mit dem einen oder anderen Bundesverdienstkreuz belohnt wurden.
 
Das ist bei dem Faible mancher behinderter Frauen und Männer für Gremienarbeit nicht überraschend. Die Betonung der Beteiligten, dass Gemeinsame zu suchen und sich nicht am Trennenden abzuarbeiten, klingt nach substanzloser ‚Wir sitzen alle in einem Boot‘-Rhetorik. Verbände und Organisationen, die in ihrem Tagesgeschäft ganz praktisch Aussonderung betreiben, sind in dieser Konstellation konsequenterweise gern gesehen. Das erklärt aber auch, warum eine erstellte Landkarte für Inklusion in sechs Jahren mal gerade 198 beispielhafte Projekte in ganz Deutschland gefunden hat - nicht beeindruckend viel mehr als die Zahl der beteiligten Funktionäre, die sich auf die Suche begeben haben.
aus: konkret − politik & kultur, 10/2014
 
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(…) Das Diskriminierungsverbot in der Deutschen Verfassung, das Gleichstellungsgesetz, das Recht auf Persönliche Assistenz − sie alle sind Meilensteine in der Behindertenpolitik. Doch hätte es sie wohl kaum gegeben, wenn nicht über Jahrzehnte hinweg Menschen aus der Behindertenbewegung hartnäckig dafür gekämpft hätten. Gegen viele Widerstände haben sie ihre Themen immer wieder auf die politische Agenda gebracht. Parteien und die Verbände der Behindertenhilfe haben sich oft erst dann hinter solche Forderungen gestellt, wenn die Zeit dafür reif war. Ihre Vision trugen die Aktivisten im Namen, den sie dem Zusammenschluss ihrer einzelnen Gruppen gaben: Die Selbstbestimmt–Leben–Bewegung. (…)
(Menschen, 2/2013)
 
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(…) Diese Entwicklung wird dadurch gestützt, dass derweil etliche ‘Behindertenbewegte’ selbst sozialwissenschaftliche Studien vorlegen und damit die Disability Studies mit der Sicht auf Behinderung als eine kulturelle Fragestellung auch in Deutschland vorantreiben. Diese Herangehensweise offenbart wiederum die berechtigte Skepsis gegen Sozialwissenschaften, wenn diese ihren traditionellen Blick behalten haben. (…)
(Gen–ethischer Informationsdienst, Juni 2013)
 
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(…) Die Ignoranz gegenüber den Zuständen in Heimen ergänzt sich mit beunruhigenden Zeichen einer Bereitschaft zur Abwertung von Behinderten, Obdachlosen, Bettlern: Fast ein Drittel der Deutschen stimmte in einer Untersuchung unter der Leitung Wilhelm Heitmeyers an der Universität Bielefeld tendenziell der Aussage zu, dass die Gesellschaft sich Menschen; die wenig nützlich sind, nicht mehr leisten kann. Und der Vorgabe ‘Für Behinderte wird in Deutschland zu viel Aufwand betrieben’ stimmten 2011 immerhin 7,7 Prozent der Befragten zu, die Aussage ‘Viele Forderungen der Behinderten finde ich überzogen’ fanden 11,3 Prozent der Interviewten richtig. (…)
(Behindertenpädagogik, Juni 2013)
 
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MONSTER UND FREAKS
 
(…) Als Resultat mussten im 19.Jahrhundert die Menschen mit Besonderheiten zwei Varianten des Umgangs ertragen: Die Humanwissenschaften begannen, sie dem öffentlichen Raum zu entziehen und sie in ihre Körperteile zu fragmentieren und zu vermessen, die Befunde aufzuzeichnen und zu interpretieren. Die Körper wurden zu Objekten der Wissenschaft. Die Darstellungen in fachlichen Abhandlungen dienten als Beleg für die Vorstellung von ‚dem Anderen’. Gleichzeitig erblühten die Freakshows und Kolonialausstellungen in europäischen und nordamerikanischen Städten als profitorientierte Massenunterhaltung. Stammberger verweist hier auf die rassistische Komponente, denn mit der kolonialen Eroberung wurden auch Angehörige fremder Völker mit ungewöhnlichem Aussehen als Trophäen präsentiert. Und es gab die Variante des Geschlechts: So wurden präparierte Geschlechtsteile von weiblichen Freaks gefunden, während es diesbezüglich keine männlichen Fundstücke gab. (…)
 
in: Behindertenpädagogik, Heft 2/2011
 
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BIOPOLITIK UND SOZIALE AUSGRENZUNG
Über Gesundheit, Schönheit, Fitness
 
(…) Sobald in einer Gesellschaft Einigkeit über die Kriterien der Aussonderung besteht, müssen die Ausgegrenzten mit Diskriminierungen rechnen. Die mit diesen Urteilen einhergehenden zwischenmenschlichen und räumlichen Distanzierungen erhöhen für die Gemeinten das Risiko der Vernachlässigung und der Ignoranz der alltäglichen Bedürfnisse. In letzter Instanz entstehen lebensbedrohliche Zustände. Biopolitik mit dieser Ausrichtung ist der Versuch, soziale Fragen durch unscheinbare und durch direkte Selektion zu lösen. (…)
 
in: ZAG − Antirassistische Zeitschrift, Nr.58/2011
 
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ENTGRENZUNG DER MEDIZIN
 
(…) Attraktives Aussehen von Frauen und Männern wird immer mehr zu einem wichtigen Faktor für das Erreichen von privaten Zielen und gesellschaftlich anerkannten Positionen. Diese Zusammenhänge und seine prekären Folgen werden mit lesenswerten Aufsätzen provokant und kritisch untersucht: So schreibt Paula-Irene Villa, Lehrstuhlinhaberin für Gender Studies in München, analysierend über "Mach mich schön! Geschlecht und Körper als Rohstoff" und Thomas Eichinger vom Freiburger Institut für Ethik und Geschichte ergründet die "Ausweitung der Kampfzone: Anti-Aging-Medizin zwischen Prävention und Lebensrettung". Während Eichinger gegen zweifelhafte Errungenschaften zur Altersbekämpfung auf die ‚Moralität’ der Medizin setzt, warnt Villa davor, jene zu verspotten, die mit Hilfe des Chirurgen ihr Äußeres optimieren wollen. Sie verweist auf die Ambivalenz zwischen dem von der Frauenbewegung erkämpften Recht auf den eigenen Körper sowie dessen individuellen Gestaltung und den engen Normen willkürlich gesetzter Schönheitsideale. (…)
 
In: med.Mabuse − Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe, September 2011
 
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SELBSTBESTIMMUNG ZWISCHEN THEORIE UND PRAXIS
 
(…) Eine Frau aus der Hamburger Frauenkrüppelgruppe hatte eine zeitlang auf der Rückseite ihres Rollstuhls ein selbst angefertigtes Schild befestigt. In großen Buchstaben stand dort zu lesen: “Glotz nicht so !!” Das war amüsant, denn alle, die sich neugierig nach ihr umdrehten, fühlten sich unangenehm ertappt. Und: Die Rollstuhlfahrerin war nicht mehr Objekt, sondern die Handelnde. “Blicke können verschiedene Qualitäten haben. Blicke können bewertend sein oder erniedrigend. Blicke können vergewissern oder abweisen. Blicke können Liebe zeigen, aber auch vernichten.”
In diesen Zusammenhang gehört die Beschreibung von Primo Levi, wie er als Häftling im Konzentrationslager Auschwitz dem Dr.Pannwitz gegenüber treten musste: “Pannwitz ist hochgewachsen, mager und blond; er hat Augen, Haare und Nase, wie alle Deutschen sie haben müssen, und er thront fürchterlich hinter einem wuchtigen Schreibtisch (…)
Wie er mit Schreiben fertig ist, hebt er die Augen und sieht mich an. Von Stund an habe ich oft und unter verschiedenen Aspekten an diesen Doktor Pannwitz denken müssen. (…) Der jene blauen Augen und gepflegten Hände beherrschende Verstand sprach: ‚Dieses Dingsda vor mir gehört einer Spezies an, die auszurotten selbstverständlich zweckmäßig ist. In diesem besonderen Fall gilt es festzustellen, ob nicht ein verwertbarer Faktor in ihm vorhanden ist.’ ”
 
Jenseits der Vergleichbarkeit mit der existenziell bedrohlichen Situation für Primo Levi kommt dessen Beschreibung des selektierenden Blickes mir fast unheimlich bekannt vor. Sie erinnert an die Begutachtungen beim Amtsarzt, Musterungen aus blauen Augen, die den Körper zerlegen in brauchbare und in unbrauchbare Teile, Blicke, die das Puzzle teilnahmslos betrachten und abschließend bewertend beziffern: 100 Prozent behindert.
 
Friedrich Nietsche hat einen sich schämenden Menschen als “geblendet von einem großen Auge, das von allen Seiten auf uns und durch uns blickt” beschrieben. Dieses beklemmende Gefühl erinnert mich an Situationen im Wartezimmer oder in engen Abteilen der Bundesbahn: Um die Langeweile zu vertreiben und auf der Suche nach Abwechslung beginnen die Blicke der Wartenden und Reisenden zu wandern und bleiben auf mir haften. Manchmal nur aus den Augenwinkeln (wegen dem schlechten Gewissen), manchmal regungslos geradeaus (ganz ohne Gewissen) − Blicke, die etwas Exotisches entdeckt haben und durchdringen wollen.
 
Selbstbestimmung heißt für mich an dieser Stelle, nach Wegen zu suchen, solchen Begutachtungen zu entgehen, ohne zurück zu stecken. Praktisch heißt das: Nur im Großraumwagen reisen oder im Wartezimmer strategisch günstige Sitzplätze wählen. (…)
 
in: ‚Sozialmagazin’, Juni 2010